Am 07./08.06.2019 fand in Kloster Irsee in Bayern, dem Tagungs-, Bildungs- und Kulturzentrum des Bezirks Schwaben, die 2. Tagung der Tierärztlichen Plattform Tierschutz (TPT) statt. Nach der 1. Tagung der TPT im Juni 2018 in der Katholischen LandvolkHochschule Oesede, auf der wir als Auftaktveranstaltung der Plattform versucht haben, die Außensicht der Gesellschaft (Medien, Politik, NGOs, Tierethik, Kirchen) auf die Tierschutzaktivitäten der Tierärzteschaft auszuloten, hat sich die 2. TPT-Tagung nun mit einem konkreten Tierschutzthema, der Lebensqualität der Tiere in privater Hand, gewidmet. Der Anlass für die Wahl dieses Themas war die Überlegung der Koordinierungsgruppe für die TPT, dass sich die gesellschaftlichen Kritiken an nicht tierschutzkonformer Haltung und Betreuung von Tieren fast ausschließlich auf den landwirtschaftlichen Bereich beziehen. Gleichzeitig deckte die im Jahr 2018 abgeschlossene EXOPET-Studie zum Zustand der Heimtierhaltung in Deutschland auf, dass erhebliche, in der Öffentlichkeit so gut wie nicht thematisierte Mängel bei der privaten Haltung von kleinen Säugetieren, Vögeln, Fischen und Reptilien bestehen. Da Hunden und Katzen auch nicht nur Tierliebe, sondern auch Tierleid widerfährt, wurden auch für diese Tiere die häufigsten, wie bei den Heimtieren oft hinter Wohnungstüren verborgenen Mängel bei ihrer Haltung und Betreuung erörtert.
Zu der Tagung waren, gemäß dem Anspruch der TPT, den Dialog der Tierärzteschaft zum Tierschutz mit der Gesellschaft aktiv zu intensivieren, nicht nur Tierärztinnen und Tierärzte, sondern gezielt auch Politikerinnen, einschlägige Verbandsvertreter und Vertreter des Zoofachhandels zum interdisziplinären Dialog eingeladen.

Der Einstieg in die Thematik
Zur Schaffung einer Diskussionsgrundlage in drei verschiedenen Workshops wurden zunächst drei Vorträge erörtert:

1. „Die Verantwortung des Menschen für das in seiner Obhut befindliche Tier“ (Dr. Sandra Giltner),
2. „Beiträge des Fachhandels zum Tierschutz in der Heimtierhaltung“ (Dr. Olaf Türck) und
3. „Die Haus- und Heimtierhaltung in den Medien“ (Kommunikationswissenschaftlerin und Tierärztin Sonja Krämer).

Dr. Giltner verwies gleich zu Beginn ihrer Ausführungen darauf, dass Tierärztinnen und Tierärzte traditionell in einer „Filterblase“ säßen und erwarteten, dass alle Tierhalter die allgemeinen Maßgaben des deutschen Tierschutzgesetzes, die vielen Leitlinien, Gutachten und Empfehlungen zur Tierhaltung kennen und beachten. Das Ergebnis der EXOPET-Studie zeige aber zum ersten Mal durch wissenschaftlich und systematisch erhobene Daten, dass diese Annahme nur zum Teil zutrifft und die jeweils betroffenen Tiere den Preis dafür zahlen. Das Fazit des brillanten, mit Selbstironie gespickten Vortrags zur Verantwortung des Menschen dem Tier gegenüber lässt sich am besten mit einem Zitat von ihrer Abschlussfolie zusammenfassen: „Verantwortung ist kompliziert und vielschichtig; wir müssen uns alle unserer eigenen Verantwortung bewusst sein; diese hört nicht bei Hund und Katz auf – und auch nicht bei der eigenen Komfortzone; wir müssen die Filterblase durchbrechen und die Verantwortung in der Gesellschaft sichtbar machen; und auch das Leiden der ‚anderen Tiere‘ muss endlich eine mediale Rolle und die Aufmerksamkeit der Gesellschaft erfahren“.
Dr. Türck führte aus, dass in Deutschland 34,4 Millionen Heimtiere in 45 Prozent der Haushalte gehalten würden (Fische und Terrarientiere nicht mitgezählt). Diese würden zum Großteil über den Zoofachhandel abgegeben, in zunehmendem Maße auch über Börsen, Onlineshops und andere alternative Wege, die im Gegensatz zum Zoofachhandel und gewerblichen Züchter nicht oder nur sehr lückenhaft kontrolliert werden könnten. Dr. Türck betonte besonders, dass der Zoofachhandel nicht nur Verantwortung für die von ihm bezogenen und für den Verkauf gehaltenen Tiere gemäß der TVT-Checklisten habe, sondern gelernt hat bzw. teilweise noch lernen müsse, dass seine Verantwortung nicht mit dem Verkauf eines Tieres endet. Sein griffiger Aufruf an den Zoofachhandel war: „Weg vom Tierverkauf, hin zur Übergabe der Verantwortung für das Tier an den Käufer“. Diesem Ziel diene ja auch die bei der Novellierung des Tierschutzgesetzes (TierSchG) neu aufgenommene Informationspflicht des Fachhandels nach § 21 Abs. 5 TierSchG. Die gemäß dieser gesetzlichen Vorgabe an die künftigen Tierbesitzer übergebenen Informationsmaterialien müssen so gestaltet sein, dass sie den Tierbesitzer in die Lage versetzen, seiner Pflicht der Einhaltung des § 2 TierSchG nachzukommen. Damit soll sichergestellt werden, dass das jeweilige Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernährt, gepflegt und verhaltensgerecht untergebracht wird. Dem wesentlichen Aspekt der tiergerechten Haltung, der tierschutz- und tierwohlgerechten Gestaltung der Haltungssysteme widmete Dr. Türck ganz besondere Aufmerksamkeit und erläuterte die Kooperation der Fa. Fressnapf mit der TVT zum schrittweisen Ausbau der bereits im Jahr 2018 begonnen Kennzeichnung von besonders tiergerechten Kleinnagerkäfigen. Diese von Fressnapf als „Leuchtturm-Projekt“ angesehene Zusammenarbeit wird in den nächsten Monaten nun auf die Haltungssysteme für Ziervögel ausgedehnt. Türcks Fazit: „Die Heimtierbranche übernimmt Verantwortung als qualifizierter Berater des Tierhalters“.
Kollegin Krämer rundete den Vortragsteil ab, indem sie einen analytischen Einblick in die sich ändernde Medienlandschaft beim Thema Haus- und Heimtiere vermittelte. Demnach seien Heimtiere im Fernsehen (abgesehen von wenigen dezidierten Tiersendungen) meist im Rahmen der aktuellen Berichterstattung oder als „Nebenrolle“ in Unterhaltungssendungen zu sehen. Gerade bei diesen „Nebenrollen“ werde oft eine ungenügende Tierhaltung dargestellt, z. B. die Einzelhaltung eines Graupapageis oder die Haltung von Heimtieren in viel zu kleinen Käfigen. Zeitungen und Zeitschriften hingegen hätten vielfach Rubriken, die sich konkret mit Tierhaltungsthemen befassen, diese würden primär von Nachrichtenagenturen beliefert; hier seien oft sinnvolle Tipps zu finden. Allerdings sinke die Auflage der Printtitel kontinuierlich, was durch deren Onlineausgaben nur begrenzt aufgefangen werde. Für die aktuelle Berichterstattung selektierten die Journalisten ihre Themen anhand sogenannter Nachrichtenwerte wie Neuigkeit, Prominenz, Dramatik etc. Das erkläre, warum einige Themen rund um Heimtiere überproportional häufig thematisiert würden, z. B. Tiere als Opfer von brutaler Tierquälerei oder bissige Hunde. Im Internet hingegen seien die User einer Flut von Informationen ausgesetzt, es gäbe unzählige Youtube-Filme zur Haltung verschiedenster Arten, Foren, Facebookgruppen oder teilweise sogar Youtube-TV rund um eine Spezies etc. Es sei schwierig für die Nutzer, die Qualität der Informationen zu erkennen. Auch bei einer Internetsuche würden nicht die besten, qualitativ hochwertigsten Informationen zuerst angezeigt. Anhand von nicht nachvollziehbaren Algorithmen erscheinen bestimmte Suchergebnisse zuerst und dieses Ranking sei vielfach von fragwürdiger Qualität. Dazu gäbe es immer wieder spezielle Internettrends. So würden bestimmte Spezies als Haustiere gezeigt, die dafür vollkommen ungeeignet sind wie Plumploris oder aktuell Afrikanische Weißbauchigel. Auch Internettrends wie das Erschrecken von Katzen mit Gurken werden tausendfach nachgeahmt. Für die tierärztliche Öffentlichkeitsarbeit zu Tierschutzthemen empfiehlt Kollegin Krämer, „sich an journalistischen Nachrichtenwerten zu orientieren, außerdem im Internet, speziell auf Youtube, aktiver vertreten zu sein“.

Die intensive Erörterung der Thematik
Dem Anspruch der TPT-Tagungen, nicht nur tierärztliche Standpunkte zu erörtern und zu „verkünden“, sondern im Dialog mit den in die Tierhaltung involvierten gesellschaftlichen Gruppen weitgehend konsensfähige, auf das Tierwohl orientierte Positionen zu erarbeiten, wurde in Kloster Irsee entsprochen. Nach den Eröffnungsvorträgen wurden drei Workshops zu folgenden Problemkreisen gebildet: 1. Vögel und Reptilien (Leitung Dr. Silvia Blahak und Dr. Stefan Hetz), 2. Kleine Säugetiere und Fische (Leitung Dr. Alexandra Bläske und TÄ Daniela Rickert), und 3. Hunde und Katzen (Leitung Dr. Franziska Kuhne, Prof. Sabine Kästner und Dr. Julia Fritz).
Die Tagungsteilenehmer haben sich nahezu gleichmäßig auf die drei Workshops aufgeteilt und sind aus der Zuhörerrolle in die Rolle aktiver Diskutanten geschlüpft. In allen drei Gruppen wurde bis zum Abend in intensivem Austausch, bei dem jedes Gruppenmitglied zu Wort kam, an Ist-Zustandsanalysen, Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen gearbeitet.
Die Ergebnisse der Arbeit der drei Workshops wurden zu Beginn des 2. Tages in komprimierter Form vorgestellt und so, zusammen mit den Vorträgen des Vortags zum kollektiv erarbeiteten Ausgangspunkt für die Fishbowl-Diskussion (Teilnehmer: Ute Vogt, MdB, Norbert Holthenrich (Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe e.V. - ZZF), Dr. Julia Stubenbord (Tierschutzbeauftragte Baden-Württemberg), Prof. Dr. Sabine Kästner (Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover), Dr. Markus Monzel, (Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde - DGHT). Wie die gesamte Tagung wurde auch diese Runde von Dr. Maria Dayen moderiert.
In den Workshops 1 und 2 wurden zur Erörterung der Heimtierhaltung eingangs kurz die Ergebnisse der EXOPET-Studien als Grundlage für die Diskussion referiert, um dann die Erfahrungen und Anregungen der Teilnehmer ausführlich zu beraten. Im Workshop 3 wurden die aktuell diskutierten Missstände bei der Haltung von Hunden und Katzen (z. B. Qualzuchten, Animal Hoarding, illegaler Welpenhandel, finanzielle Probleme der Tierhalter) als Diskussionsgrundlage genutzt.
Die nachstehenden Schlussfolgerungen aus den Workshops wurden im Plenum vorgestellt und teilweise in der Fishbowl-Diskussion aufgegriffen. Sie werden im Folgenden nach Handlungsbereichen dargestellt, die es weiter zu bearbeiten gilt. In Fortführung der konstruktiven Diskussionsatmosphäre der 2. TPT-Tagung sollten Lösungsansätze dazu intensiv diskutiert werden.

Handlungsbereich Tierhalter – Sachkunde
Generell wird aus den Workshops als zentrale Aufgabe eine Verbesserung/Intensivierung der in § 2 TierSchG vom Tierhalter geforderten Kenntnisse und Fähigkeiten zur Betreuung, Ernährung und Pflege (Sachkunde) des von ihm gehaltenen Tieres als zwingende Notwendigkeit postuliert. Diese Notwendigkeit wird als eine Herausforderung für alle Fachverbände: Tierärzte (TPT), Zoofachhandel, Tierhalterfachverbände wie Bundesverband für fachgerechten Natur-, Tier-und Artenschutz e. V. (BNA) oder DGHT und Tierschutzorganisationen angesehen. Dabei gilt es, einerseits aus der „Filterblase“ des „Wissenden“ herauszukommen und andererseits die Qualität der Fachinformationen sicherzustellen. Die Internetseite „Haustiere“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ist bisher noch nicht optimal, könnte jedoch als Basis und Ankerpunkt für eine Weiterentwicklung genutzt werden. Das Informationsangebot muss professionell und zielgruppenspezifisch sein. Es müssen Informationskanäle erschlossen werden, die für Menschen unter und über 30 sowie Familien mit Kindern und ältere Menschen leicht und zuverlässig nutzbar sind. Ein Youtube-Kanal, Facebook, Instagram, Zeitungen, Telefon, Infomaterial für Schulen können geeignete Medien sein, um Tierhalter zu erreichen. Sinnvoll wäre es, die Kompetenz der Tierärzte, der Fachverbände und der Tierschutzorganisationen für gemeinsam abgestimmte Kriterien artspezifischer Tierhaltungsbedingungen zu nutzen. Die Fachlichkeit und Korrektheit der Informationen können so sichergestellt werden.
Wichtig ist es zudem, den Bedarf nach Fachkenntnis zu wecken. Es muss „hipp“ sein, es muss „sexy“ sein, Wissen über Tiere zu erwerben. Das Interesse daran muss bereits in der Schule geweckt werden.
Es erhebt sich die Frage, ob ein rechtlich verpflichtender Sachkundenachweis für Heimtierhalter erforderlich ist, wenn es gelingt, notwendiges Wissen zur Tierhaltung durch ein geeignetes, einfach und gut zugängliches Informationsforum anzubieten. Für die Forderung nach einem verpflichtenden Sachkundenachweis für Heimtierhalter wird der extrem hohe Verwaltungsaufwand (zu Beginn bundesweit schätzungsweise 2000 Anträge/Tag) zu bedenken gegeben. Insbesondere aufgrund des zu erwartenden Umfangs und der kaum zu leistenden Überwachung werden in einem der Workshops verpflichtende Sachkundenachweise abgelehnt.
Die Begriffe Sachkunde/Sachkundenachweis werden eher mit einer Berufsausbildung in Verbindung gebracht und wirken aufgrund der damit einhergehenden Bürokratie eher kontraproduktiv. Als Synonyme werden die Worte „Tierexperte“ oder „Tierkundiger“ diskutiert.
Vor dem Erwerb von Gefahrtieren sollte die Sachkunde jedoch eine verpflichtende Voraussetzung sein. Allerdings kann diese Forderung nur im Gefahrenabwehrrecht, nicht im Tierschutzrecht umgesetzt werden.

Handlungsbereich Haltungsanforderungen
Der geringe finanzielle Wert kleiner Säugetiere und Fische ist oft ein Grund für eine geringere Wertschätzung/Achtung der Tiere, verbunden mit einer Unterschätzung der notwendigen Anforderungen an die Haltungsumgebung, Ernährung und Pflege zur Sicherstellung der tiergerechten Haltung. Die Einhaltung mindestens der tierschutzfachlichen Vorgaben ist auch hier nachdrücklich einzufordern. Zu vermeiden ist zudem eine aus einer Vermenschlichung des Tieres abgeleitete wohlgemeinte aber nicht den Ansprüchen des Tieres genügende Haltung. Hilfreich wären auch zusätzliche detailliertere Beratungsangebote, die potenzielle Tierhalter z. B. zur Auswahl einer Tierart/eines Tieres nutzen können (vergleichbar „Wahl-O-Mat“: Welches Tier passt zu mir? Was muss ich leisten? Welche Kosten entstehen?). „Guidelines für Tierhalter“ müssen leicht zugänglich und verständlich sein. Sie sollten helfen, „Alltagsprobleme“ z. B. der Hundehaltung (Urlaub, Betreuung des Hundes tagsüber) zu lösen.
Die Informationsangebote für Tierarten bzw. Tierartengruppen, verknüpft mit einem freiwilligen Wissenstest (online), sollten über Links zu Tierärzteseiten und Fachverbandsinformationen zugänglich sein.
Insbesondere bei älteren Tierhaltern können Tierhaltungsprobleme durch gesundheitliche Schwächen und finanzielle Überforderung („wirtschaftliche Euthanasie“) beobachtet werden. Eine Tiergesundheitsversicherung kann geeignet sein, auch kostenträchtige, aber notwendige und sinnvolle Behandlungen an Tieren finanziell abzusichern.

Handlungsbereich Zoofachhandel
Bei langen Öffnungszeiten muss durch mind. zwei sachkundige und verantwortliche Beschäftigte mit Entscheidungsbefugnis und einem Sachkundenachweis nach §11 TierSchG die durchgehende Beratung der Kunden abgesichert werden. Um dem Informationsanspruch an den bzw. der Informationspflicht durch den Zoofachhandel nachkommen zu können, wird die Etablierung eines Ausbildungsgangs Tierpfleger Fachrichtung „Zoofachhandel“ gefordert. Zudem ist eine bundesweite Vereinheitlichung der Kriterien/Inhalte der Sachkundeschulung und -prüfung nach §11 TierSchG notwendig.
Für die regelmäßige und dokumentierte Fortbildung der Mitarbeiter sollte z. B. von Fachverbänden eine Festlegung der Fortbildungszeit erfolgen. Die Frequenz der Fortbildungszeiten proJahr ist ebenfalls festzulegen. Die Weitergabe der Fortbildungsinhalte innerhalb des Betriebs ist zu dokumentieren (Weitergabe der Sachkunde).
Zur tierärztlichen Betreuung des Tierbestands im Zoofachhandel ist die Verpflichtung eines betreuenden sachkundigen Tierarztes erforderlich.
Die risikoorientierte amtstierärztliche Kontrolle erfordert speziell geschulte Amtstierärzte bzw. ein Hinzuziehen von Sachverständigen. Die Zertifizierung von Futter undZubehör wurde in einem Workshop als nicht durchführbar abgelehnt; Rechtsstreitigkeiten werden befürchtet, qualifizierte Empfehlungen durch Fachverbände erscheinen zielführender.

Handlungsbereich Tierbörsen
Statt einer rechtsverbindlichen Börsenverordnung werden Leitlinien, die umfassender und flexibler sein können und eine börsenspezifische Umsetzung zulassen, von mehreren Teilnehmern präferiert. Fachlich abgestimmte Leitlinien haben als antizipierte Gutachten in Rechtstreitigkeiten einen hohen Stellenwert, die Nichteinhaltung der Forderungen stellt i. d. R. einen tierschutzrechtlichen Verstoß dar.
Von Veranstaltern ist die Wahrnehmung der Aufsichtspflicht zur Einhaltung der Börsenordnung mit sachkundigem Personal nachdrücklich einzufordern. Als Ergebnis eines der Workshops wurden zu Tierbörsen folgende Punkte festgehalten:
Die Präsentation von Gefahrtieren auf Börsen ist unter spezifischen Auflagen möglich. Das Angebot von Wildfängen sollte nicht generell verboten sein, allerdings einer tierärztlichen Kontrolle des Gesundheitszustands unterliegen. Eine tierärztliche Überprüfung des Gesundheitszustands wird auch für Fischimporte als notwendiger Schritt zur Problemlösung bewertet. Tiere, die Winterschlaf benötigen, dürfen in der Ruhezeit nicht angeboten werden.
Für gewerbliche Anbieter sollte kein generelles Teilnahmeverbot ausgesprochen werden, da auch diese eine tierschutzgerechte Präsentation der Tiere sicherstellen können. Zielführender könnte es sein, durch Auflagen im Erlaubnisbescheid, z. B. die Begrenzung auf eine bestimmte Tierzahl pro Monat oder die Mitnahme nur bestimmter Tiere, das Anbieten von Tieren auf Börsen für den gewerblichen Anbieter zu reglementieren.
Zudem sollten die Kriterien zur Einordnung der Gewerbsmäßigkeit überprüft werden, da engagierte private Züchter bei regelmäßiger Nachzucht z. B. hochpreisiger Tiere oft doch die Kriterien der Gewerbsmäßigkeit nach §11 TierSchG erfüllen. Es wäre kontraproduktiv, diese generell von Börsen auszuschließen.
Eine Einschränkung des Einzugsradius der Anbieter wird abgelehnt, um die Entstehung neuer kleiner Börsen zu vermeiden, die ggf. den Kontrollaufwand erhöhen würden.
Die amtstierärztliche Kontrolle muss risikoorientiert durchgeführt werden.

Handlungsbereich Internethandel
Eine Gleichstellung der Portalbetreiber mit anderen „Verkäufern“ und Unterstellung unter die Erlaubnispflicht nach §11 TierSchG wurde in einem der Workshops als wenig hilfreich angesehen und deshalb abgelehnt. Zielführender wird die automatisierte Verknüpfung der Angebote mit Links zu Haltungsanforderungen und Logistikunternehmen (Versand) bewertet. Für die Kontrolle von Internetanbietern sollte eine zentrale Registrierung durch Bundes- oder Landesbehörden, z. B. beim Welpenhandel, initiiert werden.

Handlungsbereich Überwachung
Um praktizierenden Tierärzten die Weiterleitung tierschutzrelevanter Sachverhalte an die zuständigen Veterinärbehörden zu erleichtern, wird die Einrichtung einer „Kommunikationsplattform“ zwischen praktizierenden Tierärzten und Veterinäramt vorgeschlagen.
Unabhängig von der Einhaltung der Tierhalterpflichten, ist eine ausreichende Überwachung zur Einhaltung der tierschutzrechtlichen Vorgaben notwendig. Die dafür notwendige personelle und fachliche Ausstattung der Veterinärämter ist einzufordern.

Fazit
Die 2. Tagung der Tierärztlichen Plattform Tierschutz (TPT) hat insbesondere durch den in den drei Workshops ermöglichten ausführlichen Gedanken- und Erfahrungsaustausch zwischen Tierärzten unterschiedlicher Spezialisierung und nichttierärztlichen Tierhaltervertretern einen von allen Teilnehmern als ausgesprochen konstruktiv empfundenen Dialog initiiert. Da zu allen Handlungsbereichen naturgemäß mehrere und z. T. sehr unterschiedliche Vorschläge für konkrete Tierschutzverbesserungen diskutiert wurden (z. B. zur Sachkunde oder zur Entwicklung von Labeln zur Tiergerechtheit von Haltungseinrichtungen), gab es einen einstimmigen Konsens darüber, dass die erörterten Maßnahmen in den nächsten Monaten über E-Mail-Foren oder geschützte Webseiten von den an den jeweiligen Themen interessierten Tagungsteilnehmern weiterentwickelt werden sollten. Denn viele Teilnehmer und die drei Themengruppen äußerten sich eindeutig dahingehend, dass sie an der Erarbeitung von Entscheidungshilfen für die Politik, die Überwachung, die Tierhalterorganisationen und den Zoofachhandel aktiv mitwirken möchten.

Anschrift der Autoren:
Prof. Dr. Thomas Blaha,
MinDirig’in Dr. Maria Dayen

zum Thema: „Haus- und Heimtiere zwischen Tierliebe und Tierleid“

am 07.06. und 08.06.2019

Veranstaltungsort: Kloster Irsee, Klosterring 4, 87660 Irsee

Beginn: 13:00 Uhr

Programm:

Moderation: Dr. Maria Dayen

Freitag, 07.06.2019 - 13:00 bis 15:00

  • Dr. Sandra Giltner: Die Verantwortung des Menschen für das in seiner Obhut befindliche Tier
  • Dr. Olaf Türck: Beiträge des Fachhandels zum Tierschutz in der Heimtierhaltung"
  • M.A. und TÄ Sonja Krämer: Die Haus- und Heimtierhaltung in den Medien

    Workshops 
  • A. "EXOPET-Studie Vögel und Reptilien" - Organisation: Prof. Dr. M.-E. Krautwald- Junghanns (Leipzig)
  • B. "EXOPET-Studie Kleinsäuger und Fische" - Organisation: Dr. A. Schwarzer (München)
  • C. "Kleine Haustiere" (Hunde und Katzen) - Organisation: Dr. F. Kuhne (Gießen)

Samstag, 08.06.2019, 09:00 bis 13:00

  • Berichte der 3 Workshops über die Workshop-Ergebnisse
  • Diskussion der vorgestellten Ergebnisse aus den Workshop
  • Fishbowl-Diskussion über das Gesamtthema
  • Tagungsresümee und Einigung auf Eckpunkte für ein Positionspapier der TPT

 

 

Tierärztliche Plattform Tierschutz“ (TPT) - Auftaktveranstaltung
am 29./30.6.2018 an der Katholischen Landvolkhochschule Oesede (KLVHS)

Der „Ethik-Kodex der Tierärztinnen und Tierärzte Deutschlands“, offizielles Dokument der Tierärzteschaft seit dem 30. Oktober 2015, sagt zu Beginn, dass sich die Tierärzteschaft dazu verpflichtet, „mit ihren fachlichen Kenntnissen und Fähigkeiten in besonderer Weise zum Schutz und zur Sicherung der Gesundheit und des Wohlbefindens der Tiere beizutragen“. Dies anerkennen und leben Tierärztinnen und Tierärzte in den verschiedensten Bereichen der tierärztlichen Tätigkeit (bei der praktischen Tätigkeit beim Haustier und in der Landwirtschaft, in der amtlichen Überwachung, in der Wissenschaft, in Zoos u.v.a.m.), was naturgemäß zu einer Fraktionierung der tierärztlichen Tierschutzaktivitäten führt. Die „Tierärztliche Plattform Tierschutz“ hat sich zur Aufgabe gestellt, die tierärztlichen Positionierungen zum Tierschutz zu bündeln und sich über einen gezielten Dialog mit den verschiedensten Stakeholdern und Meinungsbildnern in der Gesellschaft noch aktiver als bisher in die gesellschaftlichen Gestaltungsprozesse zur Verbesserung der Lebensqualität aller in menschlicher Obhut befindlichen Tiere einzubringen. Alle Interessenten sind herzlich eingeladen, an der disziplinenübergreifenden Diskussionsveranstaltung teilzunehmen.

Programm

29.6.2018 Anreise aller Teilnehmer bis 12.00 – gemeinsames Mittagessen

13.00: Eröffnung und Einführung (Diakon Johannes Buß und Prof. Thomas Blaha)
13.15: Kurze Vorstellung der bisherigen Tierschutzaktivitäten der tierärztlichen Gründungsorganisationen der Tierärztlichen Plattform Tierschutz:

  • TK Prof. Thomas Richter
  • DVG Prof. Michael Erhard und Prof. Stephanie Krämer
  • bpt Dr. UBta Seiwald
  • BbT Dr. Christine Bothmann
  • TVT Dr. Andreas Franzky

14.30: Kaffeepause
15.00: Grußwort: Theo Paul (Generalvikar Bistum Osnabrück)
15.30: „Sicht-Weisen I“
Die Medien-Sicht auf Tierärzte: Christina Hucklenbroich (freie Journalistin)
Die NGO-Sicht auf Tierärzte: Matthias Wolfschmidt (Foodwatch)
Die Politik-Sicht auf Tierärzte: Dr. Kirsten Tackmann (MdB, Die Linke)

17.15: Diskussion der Nachmittagsvorträge
18.00: Gemeinsames Abendessen

Anschließend Gedankenaustausch zwischen Referenten und Teilnehmern in entspannter Atmosphäre im gastronomischen Bereich der KLVHS in Oesede

30.6.2018 Frühstück (in KLVHS oder in den Hotels)

8.30: „Sicht-Weisen II“

  • Die ev.-Kirchen-Sicht auf Tierärzte: Dr. Clemens Dirscherl (EKD)
  • Die Einzelhandels-Sicht auf Tierärzte: Dr. Ludger Breloh (REWE)
  • Die Tierethik-Sicht auf Tierärzte: PD Dr. Johann Ach (Universität Münster)

10.00: Kaffeepause

10.30: Podiumsdiskussion mit:

  • Frau Dr. Maria Dayen (Moderation)
  • Frau Dr. Gisela von Hegel (BNA)
  • Frau Michaela Dämmrich (TierSchBeauftr. des Landes Ndrs.)
  • Herr Albert Schulte to Brinke (Landvolk Ndrs.)
  • Herr Dirk Fisser (Journalist bei der Neuen Osnabrücker Zeitung -NOZ)
  • Frau Waltraud Fesser (Verbraucherzentrale Rheinlandpfalz und vzbv Berlin)

12.00: Tagungsresümee Prof. Thomas Blaha

 

Ansprechpartner der Tierärzteschaft: Prof. Dr. Thomas Blaha, Koordinator der Plattform
Tierschutz (TPT), Tel.: 0160 96917604, eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Flyer zur Veranstaltung

Tierärztliche Plattform Tierschutz - Ein Sachstandsbericht (Deutsches Tierärzteblatt | 2018; 66 (9))

Thomas Blaha*

* Der Autor ist der Koordinator der Tierärztlichen Plattform Tierschutz (TPT), der Text wurde mit der Koordinierungsgruppe für die TPT (Dr. Christine Bothmann für den BbT, Dr. Andreas Franzky für die TVT, Dr. Martin Hartmann für die BTK, Dr. Uta Seiwald für den bpt und Dr. Marion Selig für die DVG) abgestimmt

Das Mensch-Tier-Verhältnis hat sich in den letzten Jahren rasant verändert und in der Gesellschaft wird vermehrt anerkannt, dass der Mensch mehr Verantwortung für den Schutz und das Wohlergehen von Tieren übernehmen muss. Dem hat die Tierärzteschaft mit dem „Ethik-Kodex der Tierärztinnen und Tierärzte Deutschlands“ (von der Hauptversammlung des Deutschen Tierärztetags am 30.10.2015 beschlossen), Rechnung getragen. Dieser beginnt mit der Erklärung, dass sich die Tierärzteschaft dazu verpflichtet, „mit ihren fachlichen Kenntnissen und Fähigkeiten in besonderer Weise zum Schutz und zur Sicherung der Gesundheit und des Wohlbefindens der Tiere beizutragen“. Dies anerkennen und leben Tierärztinnen und Tierärzte in den verschiedensten Bereichen der tierärztlichen Tätigkeit – u. a. in der praktischen Tätigkeit am Haustier und in der Landwirtschaft, in der amtlichen Überwachung, in der Wissenschaft, in Zoos. Das breite tierärztliche Aufgabenfeld hat jedoch eine unterschiedliche (Bild) spezifische Ausgestaltung des beruflichen Lebens und der Anerkennung der vielfältigen Verpflichtungen zur Folge. Dies führt u. a. zu einer Fraktionierung der tierärztlichen Tierschutzaktivitäten und ist der Grund, dass im öffentlichen Diskurs über den Schutz und das Wohlergehen der Tiere eine geschlossene „tierärztliche Stimme“ fehlt bzw. nicht wahrgenommen wird.

2018 Osede - Organisation der Tierärztlichen Plattform Tierschutz - TPT

Die durch das tiermedizinische Studium und durch die berufliche Tätigkeit erworbene besondere Tierschutzkompetenz von Tierärzten wird bei den unterschiedlichen Tierschutzinitiativen daher nicht in dem Maße abgerufen und angefordert, wie es aus tierärztlicher Sicht wünschenswert und dem Thema geschuldet wäre. Aufgrund dieser unbefriedigenden Situation wurde Ende 2017 ein Kooperationsvertrag zwischen der Bundestierärztekammer (BTK), dem Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt), dem Bundesverband beamteter Tierärzte (BbT), der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG) und der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) zur Gründung einer „Tierärztlichen Plattform Tierschutz (TPT)“ unterzeichnet und am 23.01.2018 auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin offiziell umgesetzt. Diese Plattform hat sich zur Aufgabe gestellt, die tierärztlichen Positionierungen zum Tierschutz zu bündeln und sich über einen gezielten Dialog mit den verschiedenen Stakeholdern und Meinungsbildnern in der Gesellschaft sowie in enger Zusammenarbeit mit einschlägigen anderen Wissenschaftsdisziplinen noch aktiver als bisher in die gesellschaftlichen Gestaltungsprozesse zur Verbesserung der Lebensqualität aller in menschlicher Obhut befindlichen Tiere einzubringen (siehe Anhang).

Um dieses Ziel ansteuern zu können, wurde eine Organisationsgruppe gebildet, in der die BTK von Dr. Martin Hartmann, der bpt von Dr. Uta Seiwald, der BbT von Dr. Christine Bothmann, die DVG von Dr. Marion Selig und die TVT von Dr. Andreas Franzky vertreten ist, die Koordinierung wurde Prof. Thomas Blaha übertragen. Man einigte sich schnell darauf, dass gezielte Aktivitäten zur Verbesserung der Einbindung tierärztlicher Kompetenz in gesellschaftliche Meinungsbildungsprozesse und politische Entscheidungsfindungen das Definieren einer Ausgangslage voraussetzen. Diese Überlegungen haben zur Durchführung einer Auftaktveranstaltung als Initialzündung für die zu planenden Aktivitäten der Plattform geführt. Der Hauptgedanke dabei war, insbesondere die wichtigsten Beobachter der Tierärzteschaft von „außen“ zu befragen, wie sie die Einbindung der Tierärzte in die vielfältigen Tierschutzaktivitäten der Gesellschaft sehen und dies zu reflektieren, ohne im Einzelnen auf zurzeit kontrovers diskutierte Themen des Tierschutzes einzugehen.

Die Tagung fand am 29./30.06.2018 in der Katholischen LandvolkHochschule in Oesede (Landkreis Osnabrück) statt und war in drei Blöcke gegliedert: Im ersten Block stellten Vertreter der fünf Gründungsorganisationen in knappen Darstellungen ihre Strukturen und Arbeitsweisen sowie ihre bisherigen Tierschutzaktivitäten vor (Referenten: BTK – Prof. Thomas Richter, DVG – Prof. Martin Kramer, bpt – Dr. Uta Seiwald, BbT – Dr. Christine Bothmann und TVT – Dr. Andreas Franzky). Der zweite mit „Sicht-Weisen“ überschriebene Block diente der Darstellung, wie die Tierärzteschaft im Kontext des Tierschutzes von Medien, Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs), Politik, evangelischer Kirche, Verbraucher und aus tierethischer Sicht wahrgenommen werden. Im dritten Block wurde in einem Dialog im „Fishbowl“ zwischen den geladenen Diskutanten (Dr. Gisela von Hegel, Präsidentin des BNA; Michaela Dämmrich, Tierschutzbeauftragte des Landes Niedersachsen; Albert Schulte to Brinke, Präsident des Niedersächsischen Landvolkes; MdB Rainer Spiering, agrarpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion; Waltraud Fesser, Verbraucherzentrale des Landes Rheinland-Pfalz; Dirk Fisser, Journalist bei der Neuen Osnabrücker Zeitung) und den Tagungsteilnehmern eruiert, welche Handlungsempfehlungen im Sinne der Zielstellung der TPT für die Tierärzteschaft abgeleitet werden können. Die Tagung und die abschließende Diskussionsrunde wurden souverän von Dr. Maria Dayen moderiert.

 

„Sicht-Weisen“ - Die wichtigsten Sicht-Weisen auf die Tierärzteschaft im Kontext des Tierschutzes können folgendermaßen zusammengefasst werden:

Die Medien-Sicht (Christina Hucklenbroich):

In der Tat gibt es eine deutliche Diskrepanz zwischen der Realität des tierärztlichen Berufs und der medialen Darstellung. So werden Tierärzte in den Medien z. B. am häufigsten im Zusammenhang mit Zoo- und Wildtieren gebracht, die große Breite der tierärztlichen Tätigkeiten und Verantwortlichkeiten, wie die Lebensmittelsicherheit sowie die Seuchen- und Zoonosenbekämpfung und -verhütung, werden medial genauso wenig widergespiegelt wie die veterinärmedizinische Forschung. Die abnehmende Reputation des Berufsstand insgesamt – die Bewerberzahl auf das Tiermedizinstudium ist im Gegensatz zur Humanmedizin rückläufig – hat auch mit der (peinlichen) Tatsache zu tun, dass Medien durchaus die unterdurchschnittliche Bezahlung von Tierärzten thematisieren, von der 14 Prozent der angestellten Tierärzte und sogar fast 30 Prozent der Berufseinsteiger in der tierärztlichen Praxis betroffen sind. Dies abzustellen und damit die Reputation des Berufsstands zu verbessern, ist eine der Voraussetzungen dafür, dass der Tierärzteschaft im öffentlichen Diskurs, u. a. auch über den Tierschutz, mehr Gewicht beigemessen wird.

Die NGO-Sicht (Matthias Wolfschmidt):

Tierärztliche Verlautbarungen und insbesondere tierärztliche wissenschaftliche Veröffentlichungen spielen bei politischen Entscheidungen keine Rolle. Die Tierärzteschaft „wuchert nicht mit ihren Pfunden“ und bleibt in der Wahrnehmbarkeit ihrer Positionen weit hinter kampagnenerfahrenen Organisationen wie dem Deutschen Bauernverband oder dem Deutschen Tierschutzbund zurück. Die Tierärzteschaft muss deutlicher die anhand vorhandener Tierschutz- und Tiergesundheitsindikatoren mögliche Messbarkeit der Lebensqualität und der Gesundheit der Tiere einfordern und mitgestalten.

Die Politik-Sicht (MdB Dr. Kirsten Tackmann):

Die Tierärzteschaft muss lernen, dass nicht nur die Regierung der Ansprechpartner für politische Forderungen ist. Viel wichtiger ist das Parlament, mit dem zu wenig in Kontakt getreten wird. Beim Vortragen und Verteidigen wichtiger und fachlich richtiger Argumente muss noch mehr darauf geachtet werden, dass diese nicht als pure Interessenvertretung missverstanden wird. Wichtig ist, die fachliche Autorität bzw. die Deutungshoheit bei rein tierärztlichen Themen (wieder) zu erringen. Und es ist wichtig, bei Kontakten mit Politikern und Parlamentariern viel bewusster eine Sprache zu verwenden, die beide Seiten verstehen.

Die Kirchen-Sicht (Dr. Clemens Dirscherl):

Tierärzte müssen sich noch viel stärker als bisher in das Interaktionsgeflecht der lokalen, regionalen, nationalen und globalen Bemühungen um die Nachhaltigkeit bei der Versorgung des Menschen mit Lebensmitteln einbringen. Dabei geht es darum, dass tierärztliche Kompetenz benötigt wird, um einerseits die Mitgeschöpflichkeit der Tiere und andererseits die Notwendigkeit einer ausreichenden Ernährungsgrundlage für alle Menschen zu „versöhnen“ und gleichzeitig die agrarische Tragfähigkeit der Erde nicht überzustrapazieren.

Die Verbraucher-Sicht (Waltraut Fesser):

Die Verbraucher wollen keine komplizierten Er-klärungen, z. B. zu den Labels, und keine Debatten über zu fachliche Themen, wie die Bewertung der Alternativen zur chirurgischen Ferkelkastration, sondern sie wollen eigentlich nur sicher sein, dass die Haltungsbedingungen „für die Tiere gut“ sind und die Lebensmittel von gesunden Tieren stammen. Letzteres ist ein Verbraucherwunsch, der der tierärztlichen Tätigkeit viel mehr Bedeutung verleihen kann, wenn man ihm entsprechen würde, z. B. durch eine konsequent durchgeführte und gut kommunizierte tierärztliche Bestandsbetreuung mit dem Ziel der aktiven Verbesserung der bei Weitem nicht überall optimalen Tiergesundheit.

Die Tierethik-Sicht (PD Dr. Johann Ach):

Tierärzte haben eine direkte und eine indirekte besondere Verantwortung, weil sie im Rahmen der Mensch-Tier-Beziehung eine privilegierte Stellung haben, die verpflichtend ist. Die Ethik sieht für den tierärztlichen Beruf ein Spannungsfeld zwischen der Integrität des eigenen Handelns und der nicht zu vermeidenden Komplizenschaft bei der Nutzung von Tieren. Dies muss „ausgehalten“ werden. Daher ist es wichtig, die negativen Pflichten dem Tier gegenüber (Vermeidung von Schmerzen Leiden und Schäden) und die positiven Pflichten (Ermöglichung einer höchstmöglich guten Lebensqualität der Tiere) gleichermaßen zu erfüllen.


Schlussfolgerungen:

Aus dem Verlauf der Tagung und insbesondere aus dem dritten Block, der abschließenden „Fishbowl-Diskussion“, lassen sich folgende erste Handlungsempfehlungen ableiten:

- Die Presse-/Medienarbeit der Tierärzteschaft soll medientauglicher (professioneller) und freier von Fachjargon werden (Redakteure, aber auch nicht akademische Leser müssen die Botschaften verstehen). Dabei muss man mit wichtigen Themen aktiv auf die Medien zugehen und nicht warten, bis man gefragt wird. Die TPT soll sich als Informationsquelle und als aktiver Kontaktsucher zur Presse aufstellen.

- Die Tiergesundheitskompetenz der Tierärzteschaft soll, v. a. angesichts der seit Jahrzehnten gleichbleibend zu hohen Zahl von krankheitsbedingten pathologischen Veränderungen bei Schlachttieren, aktiv in die Tierschutzdebatten eingebracht werden. Hier gilt es, durch die TPT die politische Unterstützung für die Einführung eines Tiergesundheitsmonitorings für landwirtschaftliche Tierhaltungen einzufordern. Durch die damit verbundene Forderung nach einer verpflichtenden tierärztlichen Bestandsbetreuung kann und muss sowohl die Tiergesundheit verbessert und insbesondere der tierschutzrechtlich gebotene, sorgsame Umgang mit kranken oder verletzten Tieren umgesetzt werden.

- Die Forderung nach einer Überarbeitung der Nutztierhaltungsverordnung und insbesondere der §§ 5 und 6 des Tierschutzgesetzes muss als eindeutiges Signal aus der Tierärzteschaft (auch hier über die TPT) aktiv in die Politik getragen werden. Dabei können die BTK-Position zur Nutztierhaltung und die einschlägige Merkblätter der TVT als fachliche Zuarbeit hinzugezogen werden

- Tierärztliche Positionierungen, z. B. die medizinisch begründbare Aussage, der sogenannte „4. Weg“, die Lokalanästhesie bei der Ferkelkastration, ist die aus Tierschutzsicht fragwürdigste der diskutierten Alternativen zur betäubungslosen Kastration, oder die Ablehnung der LangstreckenLebendtransporte von Nutztieren in Länder mit niedrigem Tierschutzstandard, sollen über die TPT deutlicher und „lauter“ kommuniziert werden.

- Eine zielgerichtete Zusammenarbeit mit dem Einzelhandel auf dem Gebiet der Tierschutzverbesserungen soll auch von der Tierärzteschaft mit konkreter Unterstützung entsprechender Projekte vorangetrieben werden.

- Der Ethik-Kodex der Tierärztinnen und Tierärzte Deutschlands soll innerhalb der Tierärzteschaft, aber auch bei den gesellschaftlichen Gruppierungen, die sich mit Tierhaltung (Nutztiere und Haus- und Heimtiere gleichermaßen) und Tierschutz auseinandersetzen, aktiver als bisher kommuniziert werden.

Die Gründungsorganisationen und insbesondere die Koordinierungsgruppe werden die Ergebnisse der Tagung noch weiter analysieren und in den nächsten Wochen die nächsten Aktivitäten und Folgeveranstaltungen der nun in Gang gekommenen Tierärztlichen Plattform für Tierschutz beraten. Die TPT wird darüber zu gegebenen Zeitpunkten in geeigneter Form informieren.

Anhang:

Kooperationsvertrag zur Gründung der „Tierärztlichen Plattform Tierschutz“ (Auszug)

Die Bundestierärztekammer e. V., vertreten durch ihren Präsidenten Dr. Uwe Tiedemann,
der Bundesverband der beamteten Tierärzte e. V., vertreten durch seinen Präsidenten Dr. Holger Vogel,
der Bundesverband praktizierender Tierärzte e. V., vertreten durch seinen Präsidenten Dr. Siegfried Moder,
die Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft e. V., vertreten durch ihren Präsidenten Prof. Dr. Dr. h. c. Martin Kramer und
die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e. V., vertreten durch ihren Vorsitzenden Prof. Dr. Thomas Blaha

– im Folgenden Kooperationspartner genannt –

vereinbaren den nachfolgenden Kooperationsvertrag zur Gründung der „Tierärztlichen Plattform Tierschutz“:

§ 1 Definition, Ziele

(1) Die Tierärztliche Plattform Tierschutz will den konstruktiven Dialog zur ethischen Verantwortung des Menschen für das Tier zwischen den Akteuren fördern und vermittelnd wirken. Dazu sollen breite Kreise der Gesellschaft und themenverwandter natur- und geisteswissenschaftlicher Disziplinen mit einbezogen werden. Die öffentliche Debatte über das sich verändernde Mensch-Tier-Verhältnis wird derzeit größtenteils emotional geführt. Das Ziel ist, mit tierärztlicher Kompetenz die Versachlichung der z. T. hitzigen Tierschutzdebatte zu erreichen, da messbare Verbesserungen der Lebensqualität der in menschlicher Obhut befindlichen Tiere nur mit gegenseitigem Respekt und im gesellschaftlichen Konsens zu erzielen sind.

(2) Ziel der Tierärztlichen Plattform Tierschutz ist es ferner, die besondere Rolle der Tierärzteschaft im Tierschutz auch in anderen gesellschaftlichen Kreisen zu verdeutlichen und ein Tierschutzverständnis aus tierärztlicher Sicht zu vermitteln. Es sollen neueste wissenschaftliche Kenntnisse verbreitet, aber auch Wissen und Verständnis in die Breite der Bevölkerung getragen werden.